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30. April 2011, Neue Zürcher Zeitung

Liberale Stimmen in Indonesiens Islam

Im Schatten muslimischer Extremisten sprießen auch Ideen der Religionsfreiheit und der Menschenrechte

In Indonesien machen Anhänger extremistischer islamistischer Strömungen mit gewalttätigen Aktionen immer wieder Schlagzeilen.
 Es gibt aber auch namhafte Kräfte, die sich für einen liberalen Islam einsetzen.

 Franz Dähler

«Der Islam lehnt Demokratie und Menschenrechte ab, diskriminiert die Frauen.» So lautet eine vorherrschende Meinung. Dabei wird einseitig an Nordafrika und den Nahen Osten gedacht. Doch wie steht es mit Indonesien, das mit seinen 207 Millionen Muslimen zahlenmäßig alle arabischen Länder übertrifft? Dort stehen sich Radikalisierung und Liberalisierung des Islam gegenüber, mit weltweiten Folgen.

Islamistische Gewalt

«Das Gesetz Gottes muss auf jeden Fall eingeführt werden, auch gegen den Willen des Volkes. Denn es steht über der Demokratie», erklärte Abu Bakar Bashir im September 2006. Der inzwischen verhaftete Islamist leitete eine große Koranschule in Zentraljava und inspirierte den Terroranschlag in Bali vom 12. Oktober 2002 mit über 200 Todesopfern. Seine starke Anhängerschaft will das islamische Gesetz (Scharia) zum Staatsgesetz erheben. Dieser Tendenz folgen einige Provinzregierungen. Sie setzten Teile des islamischen Rechtes durch, so in Aceh, Südsulawesi, Westsumatra, Tangerang. Es handelt sich um Kleidervorschriften für die Frauen, Antipornogesetze und Strafen für Diebstahl, Ehebruch, sexuellen Verkehr vor der Ehe (Auspeitschung in Aceh).

Oft werden christliche Kirchen durch die Muslimische Verteidigungsfront (FPI) oder die Bewegung gegen den Abfall vom Islam attackiert, zerstört und in der Folge geschlossen. So geschah es in Bekasi im letzten September mit einer evangelischen Kirche und im Februar dieses Jahres mit zwei Kirchen in Temanggung (Zentraljava). Rückhalt genießen solche Aktionen beim Islamischen Rat der Gelehrten (MUI). Diese Organisation vertritt einen exklusiven Anspruch auf Wahrheit, verbot durch eine Fatwa (Rechtsspruch), an Weihnachtsfeiern teilzunehmen, und verurteilte die Trennung von Religion und Staat, eine für moderne Wissenschaften aufgeschlossene Interpretation des Korans und den Pluralismus der Religionen.

Die Gemeinschaft Ahmadiyah, eine kleine Minderheit im Islam, soll nach dem Willen des MUI und der FPI verboten werden. Einige ihrer Moscheen wurden zerstört. Ahmadiyah anerkennt den Koran, bejaht die fünf Pflichten des Islam, hält aber Mohammed nicht für den letzten Propheten.

Die Regierung unter Präsident Yudhoyono lässt sich durch diesen radikalen Islam (der neuerdings auch mit Paketbomben operiert) eher einschüchtern, statt auf die ebenfalls festzustellende Strömung der Liberalisierung innerhalb des Islam zu setzen. Das Wort liberal war unter den Regierungen Sukarno (1945–1966) und Suharto (1966–1998) verpönt, weil es an westliche Demokratien erinnerte. Die Autokraten schufen ein repressives Regime. Es ist Zeichen eines wichtigen Umschwunges, dass starke Kräfte im Islam das Wort liberal neu entdecken. Für sie umfasst es Werte wie Religionsfreiheit, Menschenrechte, Demokratie, Säkularisierung.

Vielfalt der Religionen

«Die Religionsfreiheit verteidigen» heißt eine Dokumentation des Institutes für Religion und Philosophie (LSAF) in Jakarta. Darin kommen 60 muslimische und 10 christliche Autoren zu Wort. Auffallend ist das weite Spektrum von hervorragenden Intellektuellen wie die Rektoren der muslimischen Universitäten von Jakarta und Yogyakarta. Es äußern sich erstrangige Politiker, welche die Demokratiebewegung vorangetrieben haben; so Abdurrahman Wahid (Präsident 1999–2001), Syafii Maarif (2000–2004 Präsident der zweitgrössten muslimischen Volksorganisation, Muhammadiyah), Said Aquil Siraji (Präsident der grössten muslimischen Volksorganisation, NU).

Herausfordernd sind die Stimmen von 12 Frauen. Gadis Arivia, Dozentin an der führenden Universitas Indonesia, widerspricht den Kleidervorschriften und empört sich darüber, dass Muslime das Pflichtgebet nur in arabischer Sprache verrichten dürfen. Sie alle wenden sich gegen die Verabsolutierung der Religion, fordern die Trennung von Religion und Staat und eine kontextuelle, nicht wörtliche, sondern den Kulturwissenschaften entsprechende Interpretation des Korans. Sie betonen die in Indonesien gewachsene Vielfalt von Kulturen und Religionen, stützen sich auf den Koran und die Praxis des Propheten Mohammed, dem in Medina eine säkulare, tolerante Struktur der Gesellschaft vorgeschwebt hatte. Für den Geist des Pluralismus werden große Gelehrte aus dem Mittelalter zitiert wie Ibn Arabi, Ibn Rusyd (Averroes) und Jalaluddin al Rumi.

Javanische Harmonie

Gilt das alles nur für die Intellektuellen? Keineswegs. Der Philosoph Budhy Munawar-Rahman verweist in seinem 2010 erschienenen Buch «Neuorientierung des Islam» auf die bereits erwähnten Volksorganisationen NU und Muhammadiyah. Er erwähnt neun islamische, im Volk verankerte Institute, die sich für die Vision einer humanen, freiheitlichen Gesellschaft einsetzen, so das «liberale Netzwerk» (JIL), die Stiftung Paramadina, die Vereinigung für die Entwicklung von Gesellschaft und Koranschulen (P3M), die vor allem in den Medien und in Schulen wirkt. Sie versuchen, oft gemeinsam mit Christen, karitative Werke und das Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit zu fördern, nach der Vision des Theologen Nurcholish Madjid. Sehr hilfreich ist dabei das javanische Ideal der Harmonie, das die Einheit mit der Natur und die friedliche Vielfalt unter den Kulturen erstrebt. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Sultan von Yogyakarta (Zentraljava) alle dort angesiedelten Religionen beschützt, die Ahmadiyah inbegriffen.

Der neulich intensivierte Dialog unter den indonesischen Religionen inspiriert zum Einsatz für die Menschenrechte. So publizierten hervorragende Vertreter des Islam, des evangelischen Kirchenbundes (PGI), der katholischen Kirche, des Buddhismus, Hinduismus und Konfuzianismus am 10. Januar 2011 ein Memorandum, das sich gegen die grassierende Armut, Korruption und Umweltzerstörung wendet und über den mangelnden Rechtsschutz beschwert. Die Gruppe traf sich am 17. Januar mit dem Präsidenten zu einer Aussprache.

Die Aufstände in Ägypten, Tunesien und Libyen entsprangen nicht dem radikalen Islam, sondern der Leidenschaft für Freiheit und Menschenwürde. Auch die Entwicklung in Indonesien zeigt, dass die Urkraft der Gleichheit und Menschenwürde nicht nur im Westen, sondern auf original muslimischem Boden wächst. Dazu passt die Mail eines Freundes aus Jakarta: Demokratie heißt: hakikimu dan hakikiku adalah sama (im Kern sind du und ich dasselbe).

Franz Dähler wirkte während 18 Jahren als Dozent für Religion und Ethik in Indonesien. Er hält dort noch Gastvorlesungen an staatlichen, christlichen und muslimischen Universitäten. Im Appenzeller Verlag ist seine Autobiografie «Der Indozeller» erschienen.

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Quelle: Watch Indonesia! e.V.
Für Demokratie, Menschenrechte und Umwelt in Indonesien und Osttimor
10967 Berlin, Urbanstr. 114, Tel./Fax +49-30-698 179 38
eMail: watchindonesia@watchindonesia.org   www.watchindonesia.org

Für den obigen Artikel sind der Autor und die Publikation verantwortlich.
Der Inhalt gibt nicht notwendig die Meinung von Watch Indonesia! wieder.

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Le Monde diplomatique Nr. 9442 vom 11.3.2011

Praktische Fragen der Religion
 

Die erste Auslandsreise als US-Außenministerin führte Hillary Clinton am 18. Februar 2009 nach Indonesien. Mit ihrem Besuch in Südostasien
signalisierte sie das gewachsene Interesse der USA an der Region und speziell an dem Land, in dem der neue Präsident Barack Obama einen Teil
seiner Jugend verbracht hatte. In einer Tischrede vor akademischen Größen und politischen Aktivisten in Jakarta pries Clinton den mehr oder  minder erfolgreichen Übergang zur Demokratie, den das Land seit dem Sturz von Präsident Suharto im Jahr 1998 vollzogen hat: "Wenn Sie wissen wollen, ob eine Koexistenz von Islam, Demokratie, Modernität und Frauenrechten möglich ist, dann schauen Sie sich Indonesien an."

Die US-Außenministerin würdigte damit den indonesischen Islam, den Experten als "zivilen" oder pluralistischen Islam bezeichnen und zu dessen Selbstverständnis die Vereinbarkeit mit der Demokratie gehört. Einen solchen Islam vertreten auch die beiden größten religiösen Organisationen Indonesiens: die Nahdlatul Ulama mit ihren 40 Millionen Mitgliedern und die 30 Millionen Mitglieder zählende Muhammadiyah.(1)

Dass die meisten Indonesier nicht in einem strikt islamischen Staat leben wollen, wurde im Juli 2009 deutlich, als sie Präsident Susilo Bambang Yudhoyono schon im ersten Wahlgang eine weitere Amtszeit bis zum Jahr 2014 beschert haben. Die konservative islamistische Gerechtigkeits-  und Wohlfahrtspartei (PKS) war damals mit ihrem Vorhaben, eine Beteiligung an der Macht zu erreichen, schmählich gescheitert.(2)

Um den Einfluss des Islam im bevölkerungsreichsten islamischen Land der Welt zu ermessen, darf man nicht nur auf die Parteien und ihre Wahlerfolge starren. Auf lokaler Ebene gibt es in Indonesien so viel Korruption, Armut und Staatsversagen, dass viele Muslime sich die Lösung  ihrer sozialen Probleme von der Religion versprechen.(3) Von einem zügigen und entschlossenen Aufbruch in Richtung eines säkular-liberalen Systems kann insofern nicht die Rede sein. Und obwohl der "zivile Islam" auf dem Vormarsch ist und den konservativen Parteien die Wähler weglaufen, spielen die konservativen Kräfte im öffentlichen Leben nach wie vor eine große Rolle. Insgesamt ist Indonesien deutlich konservativer geworden, als man das vor zehn, fünfzehn Jahren gedacht hätte.

Indonesien ist allerdings kein Land des Islam, sondern ein Land mit verschiedenen Spielarten des Islam. Nicht die Konflikte zwischen Muslimen und Christen prägen das öffentliche Leben, sondern die zwischen Muslimen und Muslimen. Dabei stehen sich meistens progressive und konservative Vertreter des Islam gegenüber, die nicht über theologische Grundsätze streiten, sondern über ganz praktische Fragen wie zum Beispiel: Darf ein Muslim seine Religion aufgeben? Dürfen Muslime zu Ketzern erklärt werden? Welche Rechte haben religiöse Minderheiten in einem mehrheitlich muslimischen Land? Darf es eine indonesische Ausgabe des Playboy geben? Soll es Christen erlaubt sein, überall, also auch in muslimischen Gemeinden, zu missionieren und Kirchen zu bauen? Wie soll die Rolle der Frauen in Gesellschaft aussehen? Sind Grundsätze, die im Koran vor mehr als tausend Jahren niedergelegt wurden, für Frauen von heute noch verbindlich?

Welche Entwicklung der Islam weltweit nehmen wird, hängt nicht zuletzt davon ab, wie Indonesien mit diesen Fragen und Problemen umgeht, meint Abdullahi An-Na'im von der Emory University in Atlanta, Georgia. Dass die Religion in Indonesien "geschmeidiger" ist als anderswo, erklärt der progressive Islamwissenschaftler und Rechtsprofessor unter anderem mit der geografischen Lage. Von seiner Peripherie, wo der Islam auf andere Kulturen und Weltanschauungen treffe, werde die Kraft zum Wandel ausgehen.

Zur islamischen "Peripherie" gehören für An-Na'im neben Indonesien auch Nigeria und der Sudan, aus dem seine Familie stammt. Die Muslime dieser Grenzzone, die sich zwischen dem Äquator und dem zehnten nördlichen Breitengrad erstreckt, könnten den Herausforderungen, die das moderne Leben für die Inhalte und Praktiken ihres Glaubens bedeutet, anders begegnen als die Bevölkerung in der Kernregion des konservativen Islam, auf der arabischen Halbinsel. Im Nahen Osten, glaubt An-Na'im, "ist der Islam zu satt und selbstzufrieden - zu arrogant, um sich auf diese schwierigen Fragen einzulassen."

Von den weltweit 2,6 Milliarden Muslimen leben nur 20 Prozent im Nahen und Mittleren Osten, die übergroße Mehrheit der restlichen 80 Prozent dagegen im unterentwickelten globalen Süden. Dank ihrer schieren Masse, hofft An-Na'im, werden die offener denkenden Muslime der Grenzzonen die nötige Kraft entwickeln, um dem konservativen arabischen Kern die Kontrolle über den Islam zu entwinden. Eine verwegene Hoffnung - und eine hohe Wette mit 500 Millionen Mitspielern.

Umgekehrt begründen konservative christliche Kreise ihre Hoffnung, dass das Christentum insgesamt wieder konservativer werde, mit der zunehmenden Zahl der Christen in eben diesen Regionen. Zahlen sind Fakten, aber nicht die einzigen, von denen die Zukunft der großen Weltreligionen abhängt. Der Islam wird sich ebenso wie das Christentum und andere Religionen auch künftig auf unvorhersehbare Weise verändern und in neue Strömungen auffächern.

In den Randzonen des Glaubens - aber nicht nur hier - wird der Anspruch, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, folglich immer wieder Gegenbewegungen anstoßen. Dafür ist Indonesien, wie auch das benachbarte Malaysia, ein gutes Beispiel: Erst als hier konservative Muslime versuchten, ihre Deutung des Islam auch der öffentlichen Sphäre aufzudrücken, wachte die "schweigende Mehrheit" auf und war zunehmend bereit, für die Offenheit und Redefreiheit einzutreten, die sie als selbstverständlich vorausgesetzt hatte.

Vielleicht kommt jede konservative religiöse Erweckungsbewegung früher oder später an einem Punkt an, wo ihre gemäßigten Gegenspieler aufwachen. "Die moderaten Kräfte können es sich nicht mehr leisten zu schweigen", sagt Zainah Anwar, die sich als Gründerin der malaysischen NGO "Sisters in Islam" seit langem für die Rechte der Frauen einsetzt. Das gleiche Gefühl beschleicht derzeit auch viele Christen in den USA, und zwar Anglikaner, Katholiken und Protestanten. E. Griswold

Fußnoten:
(1) Die Muhammidiyah (arabisch für "Anhänger des Mohammed") und die Nahdlatul Ulama ("Wiedererwachen der islamischen Rechtsgelehrten") sind islamische Bewegungen. Politisch vertreten ist die erste durch die PAN und die zweite durch die Nationale Erweckungspartei (PKB). Beide Parteien zusammen erhielten bei den Parlamentswahlen 2009 nur 11 Prozent der Stimmen.

(2) In der ersten Runde der Parlamentswahlen vom April 2009 erhielt die PKS nur 7,9 Prozent der Stimmen, bei den Präsidentschaftswahlen
unterstützte sie den Amtsinhaber Yudhoyono.

(3) Siehe Robin Bush, "Expressing Islam: Religious Life and Politics in Indonesia", Singapore (Institute of Southeast Asian Studies) 2008. Robin
Bush ist der Repräsentant der Asia Foundation in Indonesien, einer NGO mit Sitz in Washington, die in 21 asiatischen Ländern vertreten ist.  Siehe: asiafoundation.org.

 


Deonal Sinaga, Bielefeld-Bethel

Christliche Kirche unter dem Islam
Erfahrungen in Indonesien

Sitzung des „Ausschusses für Mission und Ökumene“
des Kirchenkreises Herford am 7. Dez. 2010 in Löhne-Obernbeck

1. Vorwort. Unser Thema ist „Christliche Kirche unter dem Islam.“ Es gibt viele Fragen, die mit diesem Thema verbunden sind. Z. B.: Ist es schwierig für die Christen, zusammen mit Muslimen zu leben? Ist es möglich, dass Christen und Muslimen zusammen sitzen, essen und Dialog halten? Gibt es überhaupt religiöse Freiheit in Indonesien? Wie können Christen mit Muslimen zusammen arbeiten? Und viele Fragen mehr …

2. Meine Familie und ich wohnen in Gadderbaum-Bethel. In dieser Gegend wohnen viele Menschen aus verschiedenen Ländern und unterschiedlichen Religionen und Kulturen. Die Leute, die dort wohnen, kommen aus der Türkei, Irak, Deutschland, Griechenland, Russland, Chile, Süd-Korea und Indonesien und sind Christen, Muslime und Jesiden. Für mich ist es besonders interessant, die Kinder auf dem Spielplatz zu beobachten.

3. Für die Kinder in unserer Umgebung ist der Spielplatz ein Ort der Begegnung, ein multikultureller Ort, in dem es keine Grenzen zwischen Religionen, Nationalitäten und Kulturen gibt. Alles was im Leben dieser Kinder eine Rolle spielt, sollte auch an diesem Ort der Begegnung Beachtung finden. Man weiß nicht, zu welcher Religion ein Kind gehört, wenn es dort spielt. Diese Kinder aber wissen und verstehen, was „fair play“ ist. Sie können miteinander bei ihren Spielen die Regeln so festlegen, dass sie „fair play“ verwirklichen können.

4. Mein Sohn Dylan ist erst 3 ½ Jahre alt. Er kann schon mit anderen älteren Kindern zusammen spielen. Ich vertraue darauf, dass die anderen Kinder auf ihn aufpassen. Ich kann ihn schon mit ihnen allein lassen. Auf diesem Spielplatz kann man sehen, wie die Kinder miteinander spielen, lernen, die Welt entdecken und „fair play, fair leben“ verwirklichen. Ich finde, mein Sohn Dylan entdeckt kleine Schritte zur großen Selbständigkeit, Verständnis und Vertrauen zu Menschen aus verschiedenen Religionen und Kulturen, denen ich ihn anvertraue. Ich will ihn darin begleiten und unterstützen.

5. In einem Podiumsgespräch zum Thema Abendmahl während des 2. Ökumenischen Kirchentags in München sagte der bekannte Theologe Jürgen Moltmann: Erst kommt die Praxis, dann die Theorie. Wir feiern doch nicht unsere Theorie! Dieses Stichwort von Moltmann finde ich sehr richtig und interessant in Bezug auf unser Thema „Missionstheologie im Dialog.“ Aus vielen verschiedenen Veranstaltungen und Konsultationen zu diesem Thema gibt es schon viele gute Statements und Erklärungen. Aber Gewalt, Krieg und Hass, die von den Religionen stammen, bleiben ein großes Problem in unserer Welt. Vielleicht wären anstatt Statements erst  Erfahrungen besser, anstatt der Theorie erst die Praxis. Wir sollten von Erfahrungen lernen, damit wir später gute Statements und Erklärungen verfassen können.

6. Ich freue mich, dass ich heute die Gelegenheit habe, Impulse und Erfahrungen aus dem indonesischen Kontext weiterzugeben Zuerst muss ich sagen, dass Indonesien ein großes Land ist. Es ist in dieser kurzen Zeit für mich unmöglich, die allgemeine Situation und die vielen Erfahrungen von den Menschen in Indonesien zu erzählen. Ich will aber diese Zeit nutzen, um wenigstens zwei wichtige Punkte weiterzugeben, die mir sehr interessant erscheinen:

7. Erstens: Ich machte während meines Studiums in Pematang Siantar und auch während meines Dienstes als Gemeindepfarrer in Indonesien persönliche Erfahrungen mit muslimischen Freunden und Nachbarn. 1998 bis 1999 habe ich als Vikar in einem Dorf namens „Gunung Bayu“ gearbeitet. In diesem Dorf leben ungefähr 450 Familien. Etwa 33 sind Christen, und die anderen sind Muslime. Ich wohnte direkt in der Mitte von muslimischen Brüdern und Schwestern. An der linken, rechten, vorderen und hinteren Seite meines Hauses wohnten Muslime. Unsere Kirche lag ganz in der Nähe der Moschee, nur etwa 100 Meter entfernt. In „Gunung Bayu“ konnten wir gut zusammen leben, es gab überhaupt keine religiösen Spannungen.

8. Ich erinnere mich, jeden Morgen früh (vor 5 Uhr) hörte ich die Stimme von der Moschee vor dem Morgengebet. Für mich war die Stimme keine Störung meines Schlafes, sondern eine Hilfe, früh aufzustehen. Es klang auch gut in meinen Ohren. Ich konnte auch früher zu Gott beten und meditieren. Ich habe auch nie gehört, dass die muslimischen Brüder und Schwestern von der Stimme aus unserer Kirche gestört wurden. Ich hoffe, dass sie die Stimmen aus unserer Gemeinde gut ertragen konnten. Darüber hinaus haben wir auch viele Feste zusammen gefeiert und gute Aktionen zusammen durchgeführt. Wir haben uns auch in Alltags-Schwierigkeiten gegenseitig unterstützt und einander geholfen.

9. Solche Erfahrungen sind nicht ungewöhnlich in Indonesien. Tatsächlich ist es ein Teil der alltäglichen Situation an vielen Orten, in denen Muslime, Christen und Angehörige anderer Religionen zusammen leben. Ich glaube, Gott liebt solche farbigen Gesellschaften. Ein Freund, der als Pfarrer auf Java gearbeitet hat, hat mir erzählt, dass der muslimische Imam ihm gesagt habe: Wenn du hier in unserer Umgebung Probleme hast, auch mit euren kirchlichen Aktivitäten, informiere mich einfach, und wir werden zusammen das Problem lösen.

10. Zweitens: Ich muss aber auch sagen, dass es an vielen Orten in Indonesien für Angehörige verschiedener Religionen nicht einfach ist, zusammen zu leben. Es gibt Schwierigkeiten und Herausforderungen, den Glauben praktisch auszuüben. Es gibt viele Orte, in denen Christen keine Kirche bauen können, weil die Mehrheit der Bewohner in der Umgebung der geplanten Kirche Muslime sind.
Wenn Angehörige einer Religion ein religiöses Gebäude bauen möchten, brauchen sie die Zustimmung eines bestimmten Prozentsatzes der BewohnerInnen in der Umgebung. So kommt es oft vor, dass es schwierig ist, den nötigen Prozentsatz zu erreichen. In mancher Situation ist die Möglichkeit der Menschen, ihre Meinung zu kommunizieren, fraglich.

11. Wie Sie wissen, sind seit 1998 viele Kirchen in Indonesien von radikalen muslimischen Gruppen verbrannt oder zerstört worden. Es ist eine Tatsache, dass die Radikalisierung des Islam in Indonesien in den letzten zehn Jahren zugenommen hat. Gruppen wie die islamistische Gruppe Laskar Jihad, FPI-Islam-Verteidigungsfront) haben ihre klaren Ziele für Indonesien, und zwar wollen sie das islamische Recht (Sharia) gelten lassen.

12. Indonesien ist ein Land mit mehr als 85 Prozent Muslimen. Der größte Teil von ihnen lebt ihren Glauben tolerant aus. Aber eine Minderheit folgt der strengen Ausübung des Islam nach arabischem Vorbild. Das Grundgesetz Indonesiens garantiert Religionsfreiheit für alle und damit das Recht, eine beliebige Religion zu wählen und zu praktizieren. Doch die Religionsfreiheit wird bedroht durch intensive Islamisierungskampagnen – hinter denen extremistische und fanatische Bewegungen und Gruppen stehen. Der Regierung fällt es oft schwer, gegen diese Aktivitäten vorzugehen.

13. Behörden dulden Diskriminierung und Übergriffe auf religiöse Minderheiten und belangen die Verantwortlichen nicht. Obwohl die Provinz Aceh derzeit die einzige Region ist, in der das islamische Recht (Sharia) gilt, hat sich die Zahl der lokalen Gesetze erhöht, die von islamischen Vorschriften beeinflusst sind. Viele islamische Politiker/Innen nutzen auch religiöse Gefühle, um Wahlen zu gewinnen.

14. Aber es gibt auch besondere islamische Gruppierungen, die setzen Christen unter Druck. In manchen Regionen tolerieren muslimische Bewohner keine Christen, etwa in überwiegend muslimischen Dörfern. Gebäude von Hauskirchen werden eingerissen, selbst wenn eine staatliche Genehmigung für die Gemeinde vorliegt. Christen werden angegriffen, von islamischen Bewegungen eingeschüchtert oder an der Durchführung ihrer Gottesdienste gehindert. Gerade Anfang 2010 haben diese radikalen Gruppen einige Kirchen in Sumatra angezündet, und vor drei Monaten haben sie auch Gemeinden in Java verboten, ihre Gottesdienste zu halten. Diese islamische Radikalisierung ist eine große Bedrohung in Indonesien, nicht nur für die Kirche, sondern auch für andere Religionen; dazu gehört auch der moderate Islam. Aber bis jetzt ist es die Kirche, die am meisten unter dieser Bedrohung leidet.

15. Letzten Monat waren die Leiter des Verbandes Evangelischer Kirchen in Indonesien in Deutschland. Sie berichteten über die gegenwärtige Situation in Indonesien. Der Vorsitzende des PGI (Bündnis der indonesischen Kirchen), Andreas Yewangoe, sagte, dass die fundamental-islamischen Gruppen mehr Einfluss bekämen. Mit der Zerstörung von Kirchen und tätlichen Angriffen auf Pastoren - wie dem Angriff in Bekasi im September 2010 - habe der Konflikt auch an Gewalt zugenommen.

16. Eigentlich ist die Religionsfreiheit in Indonesien verfassungsmäßig verankert und eine feste Säule des indonesischen Staates. In der Realität aber behinderten islamische Gruppen immer häufiger die Christen im Lande an ihrer Religionsausübung, ließen Kirchen schließen oder zerstörten sie, protestierten öffentlich gegen angeblich „illegale Gottesdienste“ oder versuchten Christen aus bestimmten Gebieten zu vertreiben. Eine große Angst in Indonesien ist, dass islamische Parteien im Falle eines Wahlsieges die Verfassung zugunsten eines islamischen Rechtes ändern könnten.

17. Mit diesem Impuls möchte ich zwei Punkte betonen. Erstens: Es gibt viele Herausforderungen und Schwierigkeiten in Indonesien im Blick auf das Zusammenleben mit Anhängern von anderen Religionen, die auf Grund von Missverständnissen entstehen, und der Unfähigkeit, ein gutes gemeinsames Leben zu entwickeln. Sie kommen nicht von den Religionen, sondern von Missverständnissen und Unfähigkeiten. Die Menschen können und sollen kreativ sein um die Unterschiede zu nutzen, um ein gutes Zusammenleben zu ermöglichen und entwickeln.

18. Also, wir brauchen den interreligiösen Dialog. Ich würde sagen, dass kirchliche Mitarbeiter/Innen, die in einer muslimischen Region arbeiten oder dahin geschickt werden, eine besondere Fortbildung zum Thema interreligiösen Dialog bekommen müssen. Das ist sehr nötig! Sie sollten wissen und verstehen, was z. B. die wichtigsten Feiertage und Feste für Muslime sind. Was ist für Muslime haram (unrein, verboten) und halal (kultisch rein)? Sie sollten auch Gemeindegliedern helfen, zu lernen, mit Menschen aus anderen Religionen zusammenzuleben.

19. Kleine Schritte, kleine Zeichen der Liebe, kleine Freundlichkeiten, Respekt vor den anderen, Solidarität in schwierigen Zeiten können eine Atmosphäre und Lebenssituation verbessern und verändern. Auf dieser Art und Weise können wir die Liebe Jesu Christi teilen und die Gute Nachricht des Evangeliums weitergeben. Es gibt viele Aktivitäten, in denen Christen und Muslime etwas zusammen entwickeln können. Unser Leben in der Gesellschaft hängt von dem Miteinander ab. Dieses Verständnis hat der ehemalige Präsident Indonesiens und muslimischer Imam, Abdulrahman Wahit (Gus Dur) das Land gelehrt.

20. Zweitens: Arme und nicht gut ausgebildete Menschen werden schneller radikalisiert. Da sollten wir aufpassen! Viele Leute verstehen nicht, was der radikale Imam oder muslimische Lehrer in ihre Gesellschaft hineinbringen. Aber im Laufe von zwei oder fünf Jahren können sie den Menschen an einem Ort viele gefährliche Lehren weitergeben. Ich denke, wir sollten auch mit muslimischen Brüdern und Schwestern zusammenarbeiten, um gute Ausbildungen zu fördern und Armut zu überwinden, damit alle Menschen ein gutes Leben genießen können. Ich bin der Meinung, dass das die beste Art und Weise ist, die Radikalisierung des Islam in Indonesien zu überwinden.

21. Drittens: Wir müssen das Ziel der radikalen Gruppen in Indonesien im Auge behalten, die Verfassung zugunsten eines islamischen Rechtes zu verändern. Es wäre sehr gefährlich für Christen und andere Religionen und auch für das Land! Lasst uns hoffen, dass die Menschen verschiedener Religionen in Indonesien in Harmonie  miteinander leben können.


 

Deutsche Welle, 27. Januar 2008

Suharto gestorben

 

Indonesiens Ex-Diktator Suharto ist tot. Der „lächelnde General“ dürfte trotz der zeitweiligen wirtschaftlichen Erfolge seines Landes vor allem als brutaler und korrupter Staatschef in Erinnerung bleiben.

Zehn Jahre nach seinem Sturz unter dem Druck von Massenprotesten ist der indonesische Expräsident Suharto im Alter von 86 Jahren gestorben. Der langjährige Machthaber des südostasiatischen Inselstaates erlag am Sonntag (27.01.2007) in Jakarta einem mehrfachen Organversagen, wie Chefarzt Marjo Subiandon mitteilte. Präsident Susilo Bambang Yudhoyono rief eine einwöchige Staatstrauer aus und würdigte Suharto als „besten Sohn des Landes“.

Rücksichtslose Herrschaft

Seit seinem Abtritt von der Macht im Jahr 1998 lebte der „lächelnde General“, wie ihn westliche Medien gerne nannten, zurückgezogen in seiner Residenz in Jakarta. Während seiner jahrzehntelangen Herrschaft prägte er das Land wie kein anderer Politiker. Doch die Zeit des Aufschwungs wurde von den späteren Jahren seiner rücksichtslosen Herrschaft verdunkelt.

Haji Muhammad Suharto ebnete sich 1965 den Weg an die Macht, als sechs in der Hierarchie über ihm stehende Heeresgeneräle ermordet wurden. Danach gab es 32 Jahre lang keinen anderen Präsidenten in dem Inselstaat mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt: Suharto ließ sich sechs Mal als Präsident bestätigen.


Kreditaufnahmen ohne Sicherung

Er wird als brutaler und korrupter Staatschef in Erinnerung bleiben - auch wenn er sich einer Strafverfolgung immer entziehen konnte. Suharto musste in den vergangenen Jahren mehrfach stationär behandelt werden, unter anderem wegen eines Herzleidens. Kritiker hatten jedoch immer wieder darauf hingewiesen, Suharto sei nicht so krank, wie er behaupte, sondern wolle sich nur dem Korruptionsprozess entziehen.

Aber der General hat Indonesien auch vom Rand des wirtschaftlichen Bankrotts zu einem der asiatischen Tiger gemacht - allerdings auf Pump. Der „Vater des Aufschwungs“, so sein Beiname, baute die Erdöl- und Gasproduktion sowie die Textilindustrie des landwirtschaftlich geprägten Landes aus. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf stieg von 50 Dollar bei seinem Machtantritt auf etwa tausend Dollar vor Beginn der Asienkrise 1997.

Solange die Wirtschaft blühte, der Westen in dem Inselreich gewinnbringend investieren konnte und der Kalte Krieg die politische Weltkarte bestimmte, solange war seine Macht unangefochten. Die Kreditaufnahmen ohne Sicherung ließen in der asiatischen Finanzkrise die indonesische Wirtschaft jedoch zusammenbrechen: Bis heute hat sich Indonesien nicht von dem nach Einschätzung einiger Experten größten Crash irgendwo auf der Welt in den vergangenen 50 Jahren erholt. Als der Kurs der Landeswährung Rupiah in der Folge ins Bodenlose stürzte, geriet Suharto unter Beschuss. Nach anhaltenden Studentenprotesten musste er am 21. Mai 1998 zurücktreten.


Schutz durch reiche Günstlinge

Er ging nicht ins Exil, da er sich des Schutzes seiner mit ihm reich gewordenen Günstlinge sicher sein konnte; keiner seiner Nachfolger sorgte für einen Prozess wegen des Todes hunderttausender Menschen unter seiner grausamen Herrschaft. Mit einem ärztlichen Attest hatte er im Jahr 2000 erreicht, dass ein Prozess wegen der Veruntreuung von umgerechnet rund 387 Millionen Euro aus öffentlichen Geldern ausgesetzt wurde. Im September vergangenen Jahres jedoch wurde ein weiterer Prozess gegen ihn eröffnet. Die Justizbehörden forderten umgerechnet knapp eine Milliarde Euro von ihm zurück, die er als Präsident über dunkle Kanäle beiseite geschafft haben soll. Dieses Geld werden sie nun nicht mehr eintreiben können.

Suhartos sechs Kinder und deren Angehörige häuften unter dem Schutz des Familienpatrons unermesslichen Reichtum an. Bis heute halten sie Anteile an allen wichtigen Branchen der einst boomenden indonesischen Wirtschaft; Sohn Bambang Trihatmodjo tauchte im vergangenen Jahr mit einem Vermögen von 200 Millionen Dollar in der Forbes-Liste der reichsten Indonesier auf. Suharto und seine Gefolgsleute leiteten nach Schätzungen der Weltbank 20 bis 30 Prozent des Entwicklungsetats auf ihre Konten.


Massenhinrichtungen von Kommunisten

Der 1921 als Sohn einer Bauernfamilie auf Java geborene Suharto begann seine Karriere in der niederländischen Kolonialarmee in Indonesien. Während des Zweiten Weltkriegs kämpfte er gegen die japanische Besatzung, nach der Unabhängigkeit des Landes 1945 stieg er in den Offiziersrängen der indonesischen Streitkräfte auf. In den 1960er Jahren wurde er General. Ins politische Rampenlicht trat Suharto 1965 durch seine maßgebliche Rolle bei der Niederschlagung eines angeblichen Putschversuchs von Kommunisten. In der Folge wurden mehrere hunderttausend angebliche oder tatsächliche Mitglieder der Kommunistischen Partei hingerichtet.

Als Armee-Oberbefehlshaber und Verteidigungsminister verdrängte er mit immer weiterreichenden Befugnissen den kränkelnden Präsidenten Sukarno schrittweise von der Macht. Nach seinem offiziellen Amtsantritt als Präsident 1967 setzte Suharto stets alles daran, selbst am Schalthebel der Macht in dem riesigen Archipel mit rund 17.000 Inseln zu bleiben. Die Ränge der mächtigen Streitkräfte des Landes füllte Suharto mit Gefolgsleuten.

Über die Grenzen seiner Golkar-Partei hinaus nahm er auf die Führung der oppositionellen Demokratischen Partei Indonesiens (PDI) Einfluss, die Medien wurden strenger Kontrolle unterstellt. Mit seiner antikommunistischen Haltung gewann Suharto außenpolitisch die Sympathien der USA. Der zurückhaltend und freundlich auftretende Präsident verschaffte sich auch in anderen Ländern der westlichen Welt Sympathien, in Deutschland gewann er die Freundschaft von Altbundeskanzler Helmut Kohl (CDU). Bei Menschenrechtlern stand Suharto hingegen in der Kritik.
Sie warfen ihm im Zusammenhang mit dem Einmarsch in das nach Unabhängigkeit strebende Osttimor im Jahr 1975 Völkermord vor. In dem auf die Besatzung folgenden 25-jährigen Bürgerkrieg starben Schätzungen zufolge 200.000 Menschen. (stu)

 



Frankfurter Rundschau Magazin, 27.1.08

Suharto - Des Westens liebster General

Moritz Kleine-Brockhoff


Atty Sintawati weiß bis heute nicht, wer in der Nacht zum 1. Oktober 1965 in ihrer Straße in Jakarta geschossen hat. „Ich weiß nur, dass mein Nachbar General Yani starb“, sagt die Rentnerin. In dieser Nacht starben weitere fünf Generäle, darunter der Armeechef. Am Morgen riss ein 44-Jähriger die nun vakante Armeeführung an sich: Mohammed Suharto. Zwei Jahre später wurde er Indonesiens Präsident; 32 Jahre lang sollte er herrschen - mit aller Gewalt. Unter General Suharto kamen Hunderttausende Menschen ums Leben. Die Anti-Korruptionsgruppe „Transparency International“ hält Suharto für den größten Korrupteur aller Zeiten. Bis zu 35 Milliarden US-Dollar, so die Schätzung, soll der Ex-Staatschef veruntreut haben.

Hadji Mohammed Suharto, 1921 geboren und am Sonntag nach langer Krankheit gestorben, wirkte nach außen hin milde. Er war freundlich zu Gästen, sprach öffentlich stets ruhig und mit sparsamer Gestik. Und er lächelte meist. Über die Mord-Nacht des Jahres 1965 schrieb er später: „Ich habe geschlafen. Ich hatte damit nichts zu tun.“ Kommunisten wurden verantwortlich gemacht.


Jagd auf Kommunisten

Als neuer Armeechef verbot Suharto die Kommunistische Partei. Bei der systematischen Jagd auf Mitglieder starben Hunderttausende. „Sie schlachteten Kommunisten wie Hühner“, erzählt der Zeitzeuge und Politiker Jacob Sahetapy, „die Flüsse waren voller Leichen.“

„Neue Ordnung“ nennt Suharto sein Politsystem, als er 1967 an die Macht kommt - eine Quasi-Diktatur mit Demokratieanstrich, in der das Militär allmächtig ist. Politiker sind Marionetten, Wahlen gibt es nur zum Schein. Dissidenten verschwinden. Kriminelle werden ohne Verfahren hingerichtet, ihre Leichen auf die Straße geworfen. „In unserer Demokratie ist kein Platz für Opposition im westlichen Sinne. Wir kennen nur Übereinstimmung“, befiehlt Suharto. „Es war eine Kunst, mit ihm zu sprechen“, erzählt der Parlamentarier Mochtar Buchori: „Am sichersten war es, nur Fragen zu stellen.“

1976 annektiert Suharto das benachbarte Osttimor. In der portugiesischen Kolonie hatten Linke die Unabhängigkeit erklärt. Suharto will keinen kommunistischen Nachbarn und schickt seine Truppen. Zehntausende sterben.

Suharto hatte nicht studiert und las kaum. Aber er regierte intelligent und setzte seine Ziele um. Das Militärregime hielt den Vielvölkerstaat Indonesien trotz Separatisten zusammen. Die USA mochten den neuen Herrscher in Indonesien, Suharto war Washingtons Soldat. Der General ließ ausländische Firmen ins Land, die Öl, Gas, Gold und Kupfer förderten. US-Ökonomen und deutsche Banker stützten das System des Generals.

Die „neue Ordnung“ sorgte für Stabilität und enormes Wirtschaftswachstum. Millionen Menschen entkamen dank Suhartos Politik der Armut. So wuchs auch eine reiche Oberschicht heran, und es entstanden Wolkenkratzer, Villen, Einkaufszentren. Die Ausländer wiederum schätzten die Rohstoffe Indonesiens und die billigen Arbeitskräfte. Milliardenbeträge wurden investiert, Indonesien zum „Tigerstaat“ erklärt. Allerdings: Kein Geschäft lief ohne Abgabe an den Suharto-Clan. Der Patriarch gab sich nach außen bescheiden, seine Kinder nicht. Sohn Tommy kaufte Lamborghini. Nicht bloß ein Auto, sondern das ganze Unternehmen.

Mitte der 90er Jahre hatte Suharto einen Staat geschaffen, in dem nur noch wenige der rund 230 Millionen Einwohner hungerten. Es gab viele neue Straßen, Jobs, Schulen und Krankenhäuser. Nur war vieles mit teuren Dollarkrediten finanziert, die durch die Asienkrise und den Währungsverfall nicht mehr bedient werden konnten. Die Folge: Banken und Firmen gingen pleite, 35 Millionen Menschen im Inselstaat wurden arbeitslos, Lebensmittel und Sprit für viele unerschwinglich.

Als schwere Unruhen ausbrachen und Jakarta brannte, trat Suharto zurück. Er fuhr einfach heim und schaute Fernsehen. Am liebsten, so heißt es, sah er Talkshows, Lustiges, Tierfilme und „Wer wird Millionär?“.

Indonesien ist längst ein demokratischer Staat. Doch Suhartos alte Seilschaften besitzen weiter große Macht. Niemand belangte den General je wegen Menschenrechtsverletzungen. Zwei Staatsanwälte wagten sich an Korruptionsklagen: Ein Prozess scheiterte an der Verhandlungsunfähigkeit Suhartos; ein Zivilverfahren lief jüngst an. Suharto schien irritiert und gab erstmals seit seinem Rücktritt ein Interview. „Fakt ist, dass ich nicht korrupt war“, sagte der General.

 



taz 28.1. Seite 1 (Nur Ausgabe Süddeutschland)

 Suharto stirbt unbehelligt

Kommentar von Sven Hansen


Der Tod eines langjährigen Diktators wie jetzt im Fall von Indonesiens Suharto könnte etwas Befreiendes haben. Ein Land könnte fortan unbeschwert in die Zukunft blicken, immerhin wäre eine dunkle Epoche endgültig vorbei. Doch im Fall Indonesien wird das nicht funktionieren. Denn mit Suhartos Tod stirbt auch die Chance für eine ernsthafte und umfassende Aufarbeitung der blutigen und korrupten Geschichte seiner 32-jährigen Herrschaft. Indonesiens Elite, die von Suhartos Herrschaft bis heute profitiert, hat bislang kein Interesse an einer ernsthaften Aufarbeitung. Deshalb ist Suharto unbehelligt gestorben.

Selbst wenn nach seinem Tod noch ein wenig in der Geschichte gegraben werden sollte, dürfte dies nur darauf hinauslaufen, dem Exdiktator alle Schuld zuzuschieben. Die zahlreichen Mittäter könnten sich so reinwaschen. Und Suharto selbst kann ja niemanden mehr belasten. Indonesien hat also eine riesige Chance ungenutzt gelassen. Darunter werden die demokratischen Errungenschaften der letzten Jahre zu leiden haben. Denn die Macht der Nutznießer von Suhartos „neuer Ordnung“ wurde nie gebrochen, ein echter Neuanfang blieb aus.

Doch nicht nur innerhalb Indonesiens blieb die Aufarbeitung der Diktatur im viertgrößten Land der Welt aus, sondern auch international. Während sich Potentaten wie Serbiens Milosevic oder auch noch ein paar greise Exführer der Roten Khmer auf die ein oder andere Art zu verantworten hatten oder noch haben, drückten die westlichen Staaten bei Indonesiens Machthaber stets ein Auge zu. Dabei war er für den Tod von einer halben bis einer Million Menschen verantwortlich. Hier zeigt sich die Doppelmoral des Westens, was die Menschenrechte angeht.

Suhartos wichtigste Stütze in Europa war Deutschland. Unter Bundeskanzler Kohl, aber nicht nur unter ihm erhielt sein Militär deutsche Waffen. Damalige Staatskonzerne wie die Deutsche Telekom machten dicke Geschäfte mit seiner Familie. Für Indonesiens Demokraten ist es zynisch, dass deutsche Politiker das Land zur Zeit der Diktatur hofierten, sich aber heute bei der mühsamen Entwicklung der Demokratie kaum noch dort blicken lassen.

 


 

taz, 13. Juni 2007

Drahtzieher der Anschläge von Bali gefasst
Nicola Glass

Auf Indonesiens Fahndungsliste stand Abu Dujana an erster Stelle. Der mutmaßliche Terrorist, der mindestens sechs Decknamen trägt, sowie sieben weitere Verdächtige gingen Ermittlern bereits am Samstag (09.06.07) bei einer Razzia in Zentraljava ins Netz. Doch es dauerte mehrere Tage, bis mithilfe von DNA-Analysen und Fingerabdrücken seine Identität einwandfrei festgestellt werden konnte. "Wir haben ihn!", meldete die Polizei am Mittwoch stolz.

Innerhalb der Hierarchie des regionalen Terrornetzwerkes "Jemaah Islamiya" (JI) gilt Abu Dujana als "dicker Fisch", so die Terrorismusexpertin Sidney Jones von der "International Crisis Group" in Jakarta. Die in Südostasien operierende "Jemaah Islamiyah" (Islamische Gemeinschaft) wird für zahlreiche Bombenanschläge in Indonesien verantwortlich gemacht. Sie gilt als Drahtzieherin der verheerenden Bombenanschläge auf Indonesiens Ferieninsel Bali im Oktober 2002, bei denen mehr als 200 Menschen starben, sowie des Anschlags auf die australische Botschaft in Jakarta im Jahre 2004.

In den Polizeiakten hat sich Etliches über Abu Dujana angesammelt: So hat er 1989 eine Militärausbildung in Afghanistan absolviert und für die Mudschaheddin gekämpft. Auch soll der heute 38-Jährige, der fließend Arabisch und Englisch spricht, Al-Qaida-Chef Ussama Bin Laden getroffen haben. Später knüpfte Abu Dujana Kontakte zu malaysischen Terroristen: Als Lehrer an einer Islamschule im malaysischen Johor hatte er Noordin Muhammad Top kennengelernt. Der galt in der JI als Geldbeschaffer.

Ermittler werfen Abu Dujana unter anderem vor, Top, den Anführer einer JI-Splittergruppe, versteckt zu haben. Durch etliche Verhaftungen von prominenten JI-Mitgliedern geriet das Terrornetzwerk seit den Bali-Attentaten verstärkt unter Druck. Ermittler gehen davon aus, dass Abu Dujana Teile der Jemaah Islamiyah neu strukturieren musste. Die Polizei wird spätestens seit ihrem Fang vom Wochenende nicht müde zu betonen, dass Abu Dujana wichtiger sei als der sich weiterhin auf der Flucht befindliche Top oder der malaysische Technikstratege und Bombenbauer Azahari bin Husin, der im November 2005 bei einer Polizeirazzia ums Leben kam.

Längst habe Dujana den Platz von Top eingenommen, heißt es. Vor wenigen Monaten meldeten indonesische Medien, dass Dujana zudem einen neuen militärischen Flügel der JI namens "Sariyah" (Militärische Gruppe) anführe. "Falls er bereit ist, auszusagen", so Terrorismusexpertin Jones, "würde er der Polizei eine Menge über die jetzige Struktur, die Stärke und die internationalen Verbindungen der JI erzählen können."


(aus WATCH INDONESIA! e.V.
Arbeitsgruppe für Demokratie, Menschenrechte und Umweltschutz in Indonesien und Osttimor e.V.
Internet: home.snafu.de/watchin, eMail für Info-Dienst-Abo
watchindonesia@snafu.de)

 



 

NababanVEM-Infoservice, Oktober 5/2006
Soritua Nababan

Das Verhältnis zwischen Islam und Christentum in Indonesien
Eine Herausforderung für die Gegenwart und die Zukunft

Die Religionen in Indonesien stehen in der Zeit der "Reformasi" seit 1998 vor mindestens fünf Herausforderungen, denen sie sich möglichst gemeinsam stellen sollten.

1. Herausforderung: Religionsfreiheit

Im indonesischen Grundgesetz von 1945 heißt es: "Der Staat garantiert jedem Bürger die Freiheit, seine Religion zu wählen und Gottesdienst entsprechend dieser Religion oder seiner Glaubensrichtung zu feiern." Hier gibt es zwei offene Probleme die seit der Zeit der „Neuen Ordnung“ (1966 bis 1998) heftig diskutiert werden und oftmals Spannungen und gewaltsame soziale Konflikte auslösen: die Freiheit zur Mission, oft auch die Freiheit zur Ausbreitung der Religion genannt, und die Freiheit, Gebäude für den Gottesdienst zu errichten.

Die Frage der Ausbreitung der Religion und ihrer Begrenzung wurde seit dem Anfang der „Neuen Ordnung“ von den Machthabern immer wieder aufgeworfen. Am 1. November 1967 wurde in Jakarta ein Treffen der Führer aller Religionen einberufen. Mit Hilfe der Islamführer zwangen die Militärmachthaber diesem Treffen ein Konzept auf, das die Ausbreitung der Religion unter denen, die schon eine Religion haben, verbietet. Als Grund wurde die Wahrung der Sicherheit angegeben, die notwendig sei, um sich auf die Ausrottung der Kommunistischen Partei (PKI) und ihrer Anhänger konzentrieren zu können. Im Hintergrund steht jedoch folgender Sachverhalt: Nach der Lehre des Islam ist ein Religionswechsel (murtad) verboten und sollte deshalb durch den Staat nicht erlaubt, sondern verboten werden.

Trotz der Androhung, ihre Sicherheit könne nicht mehr garantiert werden, falls sie nicht unterschreiben, haben die Führer der Protestanten und Katholiken sich geweigert, dieses konzipierte Verbot der Mission zu unterzeichnen. Während der ganzen Zeit der „Neuen Ordnung“ haben sie dann diesbezüglichen neuen Versuchen der politischen Machthaber mit Festigkeit widerstanden, mit der Begründung, dass die Religionsfreiheit durch das Grundgesetz von 1945 garantiert ist. Diese Frage ist ein ungelöstes Problem geblieben, obwohl seit Anfang der sechziger Jahre das Bewusstsein gewachsen ist, dass die Religion universal und die Mission ein unaufgebbares Element der Religion ist.

Der zweite Punkt betrifft die Errichtung von Gottesdienstgebäuden. Im Jahr 1969 haben der Religionsminister und der Innenminister eine gemeinsame Entscheidung (SKB Dua Menteri) herausgegeben, die das Errichten von Gottesdienstgebäuden regelt. Diese hat eine gravierende Schwäche: Sie bindet die Erteilung der Baugenehmigung an die Zustimmung der Bewohner, die in der Umgebung des Bauprojektes leben und die in der Regel dem Islam angehören. Hier sind Spannungen und Konflikte vorprogrammiert. Die christlichen Bürger (Protestanten und Katholiken) haben großen Nachholbedarf in Sachen Kirchbau, denn sie konnten sich erst nach der Erlangung der Freiheit Indonesiens im ganzen Land ausbreiten. Nun möchten sie dort, wo sie leben und arbeiten, auch ihre Gotteshäuser bauen können.

Genau genommen sind die Religionsfreiheit, die Wahrung der Menschenrechte und andere im indonesischen Grundgesetz von 1945 klar enthalten. Würde man die vorhandenen Gesetze anwenden, gäbe es keine grundsätzlichen Probleme. Die Realität sieht aber anders aus. Zur Stützung einer schwankenden Politik hat die Regierung unter dem Grundgesetz von 1945 viele Gesetze erlassen, die im Gegensatz zum Grundgesetz von 1945 stehen.

Den Kirchbau betreffend, haben die Muslime eine besondere Frage an die Christen. Warum müssen an einem Ort zwei oder auch mehr Kirchen in nächster Nachbarschaft stehen? Für die Muslime ist das unverständlich, denn obwohl der Islam auch verschiedene Organisationsformen und religiöse Richtungen kennt, versammeln sich alle in einer Moschee. Die Christen aber brauchen für jede Organisation und Denomination eine eigene Kirche. Bleibt diese Frage ohne Antwort, so muss bei den Muslimen der Eindruck entstehen, dass es den Christen hierbei um eine besondere Methode der Christianisierung gehe, oder dass die Christen unermesslich reich sein müssen. Die Christen werden sich dieser Frage der Muslime stellen müssen. Sie werden auch darüber nachzudenken haben, was es heißt, in einem ökumenischen Geist Kirche für andere, für Christen und Anhänger anderer Religionen zu sein.

2. Herausforderung: Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft

Indonesier leben in einer vielfach zusammengesetzten Nation. Aber auch sie haben sich nach der Erlangung der Freiheit geöffnet. Dass die nationale Einheit in dieser zusammengesetzten Vielfalt nicht untergeht, dafür hat von Anfang an der Slogan „bhinneka tunggal ika“ - „verschieden aber eins“ gesorgt. Er hält das Einheitsgefühl wach. Die Erfahrung der neuen Gesellschaft bringt allerdings auch die Gefahr mit sich, dass die urtümlichen Bindungen wie z. B. die Stammesbindung, die mit ihren starken Wurzeln im Volksleben und in der Religion noch eine aktive Rolle spielt, vergessen werden.

Der starke Einfluss der Volksgruppen und ihrer Kultur auf die Religion wird in Indonesien wie auch im Ausland oft übersehen oder unterschätzt. Die Art wie die Batak ihr Christsein leben, ist durch ihre Adat und Kultur mitgeprägt und unterscheidet sich von der  Form des Christseins der Menschen auf Java, die ihrerseits dem Einfluss der javanischen Adat und Kultur unterliegt. Dasselbe gilt auch für den Islam. Die starke Verbindung zwischen der Religion und der lokalen Kultur entscheidet mit darüber, wie sich diese Religion nach außen darstellt.

3. Herausforderung: Bewältigung der Korruption und Überwindung der Armut

Schon 1998 waren sich die Abgeordneten des Volkskongresses (MPR) einig, dass die Bekämpfung der Korruption, der unsauberen Geschäftspraktiken und des Nepotismus (KKN) eine vordringliche Aufgabe für die „Reformasi“ ist. Acht Jahre danach hat die KKN, die damals ein Krebsgeschwür genannt wurde, alle Schichten der Gesellschaft durchdrungen. Manche nennen diese Krankheit auch „praktischen Atheismus“. Äußerlich gesehen ist das indonesische Volk sehr religiös. An jedem Freitag strömen die Muslime in die Moscheen. An jedem Sonntag sind die Kirchen der Christen voll. Alle Kinder erhalten Religionsunterricht vom Kindergarten bis zur Hochschule. Fünf Mal werden die Muslime täglich zum Gebet aufgerufen. Und doch gibt es Korruption, unsaubere Geschäftspraktiken und Nepotismus (Vetternwirtschaft).

Eine weitere dringende Aufgabe ist, den fortschreitenden Prozess der Verarmung zu stoppen und langfristig die Armut möglichst zu überwinden. Die Armut ist kein unabwendbares Schicksal, auch nicht vorwiegend durch Faulheit oder Dummheit verursacht. Sie ist vielmehr eine Frucht der zunehmenden Ungerechtigkeit, verursacht durch das ungerechte Handeln der Machthaber und der ererbten alten Gesellschaftsstruktur. Diese wird allerdings dadurch verstärkt, dass die politischen und wirtschaftlichen Machthaber sich dieser Struktur für ihre Politik bedienen.

Die wachsende Einsicht in die Zusammenhänge der Wirtschaftspolitik erzeugt allgemein Misstrauen gegenüber den internationalen Organisationen wie der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds (IMF) und der Welthandelsorganisation (WTO), von denen man annimmt, dass sie das Volk verdummen und in Armut stürzen. Auch gegenüber den ausländischen multinationalen Organisationen verstärkt sich die Ablehnung in vielen Formen bis hin zu ihrer Schließung durch das Volk (Newmont, Freeport, Exxon Mobile USA und andere). Diese Unternehmen werden abgelehnt, weil ihre Anwesenheit für das soziale und wirtschaftliche Leben der Menschen in der jeweiligen Region in keiner Weise relevant ist. Was den Menschen in der Region bleibt, ist die Verwüstung und Verschmutzung ihres Lebensraumes. Die vorhandenen Schätze werden bis auf den Grund ausgebeutet, aber die Bevölkerung bleibt arm. Die ausländischen Unternehmen sind dagegen der Überzeugung, sie erfüllten ihre Verpflichtungen der indonesischen Regierung gegenüber entsprechend ihren Verträgen. In Wirklichkeit ist ihr gutes Verhältnis zur Regierung durch die Praxis der Bestechung bestimmt.

Ein anderer Grund, der die Entwicklung behindert, ist das weit fortgeschrittene soziale und wirtschaftliche Ungleichgewicht. Die ererbte feudalistische Sozialstruktur wurde durch die in der Kolonialzeit herrschende Ungerechtigkeit und später durch die „Neue Ordnung“ verstärkt und hat die spätere Entwicklung der Wirtschaft in Indonesien entscheidend mitbestimmt und die soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeit vergrößert.

Besonders bedrückend ist die Ungleichheit zwischen den Gruppen der Superreichen und den Millionen von Menschen unter der Armutsgrenze. Der hier notwendige Ausgleich ist durch die Regierung oder die Wirtschafts- und Finanzfachleute kaum zu erreichen. So wird diese Ungleichheit von Tag zu Tag größer und löst Gewalt und viele soziale Konflikte aus.

Wie kann die Kirche helfen? Sie ist zumindest gerufen, sich für den Ausgleich konsequenter einzusetzen. Als ständiger Wegweiser sollte die sozialökonomische Dimension des „Shalomkonzeptes“ dienen, das durch geeignete Aktionen vergegenwärtigt werden muss. Wenn die Führer des Islam neuerdings betonen, dass schon der Name Islam Friede bedeutet, und wenn Hasyim Muzadi (Vorsitzender der Islamorganistation "Nahdlatul Ulama" - NU) die Kirchen in Indonesien einlädt, gemeinsam an der Schaffung von Frieden zu arbeiten, so stellt dieses Zusammentreffen der Gedanken eine konkrete Möglichkeit dar, lokal und national gemeinsam für die Überwindung der Armut zu arbeiten. Sicher ist: Solange die Mehrheit des Volkes in Armut lebt, wird es weiterhin zu spontanen Gewaltakten kommen.

4. Herausforderung: Radikale Gruppen

Zunächst sahen die beiden großen Islamorganisationen NU und Muhammadiyah in ihren Kreisen den Grund für deren Entstehen in einem ethischen Rigorismus. "Sie sind aufgekommen, weil der Staat zu schwach ist, bestimmte Formen der Immoralität wie die Spielleidenschaft und die Pornographie durch Gesetz zu bekämpfen“, so Syamsuddin, der Vorsitzende der Muhammadiyah. Etwas anders der Vorsitzende der NU. Er rief dazu auf, die radikalen Gruppen durch Überzeugungsarbeit zu bewegen, nicht exklusiv, sondern offen zu sein und die plurale Gesellschaft zu akzeptieren. Heute müssen sie erkennen, dass diese Gruppen nicht nur auf dem moralischen Sektor kämpfen, sondern begonnen haben, anderen ihren Willen gewaltsam aufzuzwingen. Dies bedroht alle für die Zukunft notwendige Zusammenarbeit. Es soll, nicht verschwiegen werden, dass auch auf christlicher Seite exklusive und radikale Gruppen aktiv sind. Auch von ihnen lassen sich einige dazu hinreißen, in der Öffentlichkeit Gewalt anzuwenden. Wenn die Rede auf das Problem des Terrorismus kommt, betont die Islamgemeinde im allgemeinen, dass sie ihn ablehnt. Sie sieht ihn als das Unternehmen eines internationalen Netzes an, wobei die Religion nur als „Schild“ dient. Hinter den Aktionen des Terrorismus stehen politische Belange, sicher auch das Problem der Ungerechtigkeit zwischen den Völkern. Die USA haben auf den Terrorakt am 11. September 2001 ungemein hart reagiert. Eine unnötige Propaganda begleitete diese Reaktion. Präsident Bush benutzte in seiner Rede am 12. September 2001 die Formulierung. „Kreuzzug zur Bekämpfung des Terrorismus“. Für die Ohren der meisten Muslime klingt das wie ein Kampfaufruf zum Krieg für das Kreuz (heiliger Krieg).

Die Mehrheit der Muslime in Indonesien gehört heute zum moderaten und modernen Islam, der in der Islamgemeinde einen stärkeren Einfluss als die radikalen Gruppen ausübt. Freilich sind noch „Wanderprediger“ unterwegs, die Hass gegen die Christen, den Westen und Amerika predigen. Zugleich aber sehen wir, wie die moderne und liberale Generation erstarkt und wie sie es wagt, den traditionellen und radikalen Gruppen entgegenzutreten, um sie durch Aufklärung für ein offenes, plurales Leben zu gewinnen, in dem einer den anderen anerkennt und respektiert. Diese Generation ist bereit, in eine Zusammenarbeit für Frieden, Gerechtigkeit und Erhaltung der Schöpfung einzutreten. Sie ist entschlossen, die eigentlichen Gründe für den Terrorismus, die in der globalen, regionalen, und nationalen Ungerechtigkeit zu suchen sind, aufzuklären. Sie hüten sich vor der von Furcht bedingten Einseitigkeit. Sie glauben den Parolen nicht, dass es ausschließlich um einen Krieg zwischen Feinden geht. Ein Zeichen, das in eine bessere Zukunft weist, ist auch die Tatsache, dass immer mehr Nichtregierungsorganisationen innerhalb der Religionen gegründet werden.

In diesem Zusammenhang möchte ich einige Sätze aus dem Statement der Versammlung des Weltkirchenrates im Februar 2006 in Porto Alegre bezüglich des Terrorismus zitieren:

"Die Gewalt des Terrorismus - in allen seinen vielfältigen Formen - ist verabscheuenswürdig für alle, die glauben, dass menschliches Leben eine Gabe Gottes und aus diesem Grunde unendlich wertvoll ist. Jeder Versuch, andere Menschen einzuschüchtern durch willkürliche Handlungen, die zu Tod und Verletzungen führen, ist immer und überall zu verurteilen. Die Antwort auf den Terrorismus darf jedoch nicht eine Antwort mit den gleichen Waffen sein, denn dies kann zu mehr Gewalt und mehr Terror führen. Vielmehr ist ein gemeinsames Engagement aller Nationen nötig, um jegliche Möglichkeit zur Rechtfertigung solcher Handlungen zu beseitigen. (...) Terroristen berufen sich bei ihrem Handeln auf absolute Forderungen. Manchmal wird Religion als Vorwand für die Anwendung von Gewalt benutzt, die als von Gott gebilligt verstanden wird. Wir (...) erklären unmissverständlich, dass Terror in Form von willkürlichen Gewaltakten gegen unbewaffnete Zivilpersonen zu politischen oder religiösen Zwecken nie gesetzlich, theologisch oder ethisch gerechtfertigt werden kann.“ Diese Vollversammlung hat auch das Konzept des „Krieges gegen den Terror“ zurückgewiesen. Weiterhin wurde dazu aufgefordert, dass sich alle Religionen mit ihrem inneren Reichtum daran beteiligen mögen, die Menschen zum Frieden und zur Versöhnung zu führen. Das ist auch unsere Hoffnung in Indonesien.

5. Herausforderung: Inklusive Texte in den Vordergrund stellen

Eine weitere Herausforderung stellt ein Aufruf dar, den prominente Leute der „Reformasi“ unterschiedlicher religiöser, Richtungen im Jahr 2000 erlassen haben - einen Tag nachdem Kirchengebäude am Weihnachtstag in Brand gesteckt wurden. Die Religionen mögen doch mit Vorrang diejenigen Texte ihrer Schriften in den Vordergrund rücken, die inklusive Bedeutung haben, die die Offenheit betonen und die Gleichheit aller Menschen, auch die Gleichheit zwischen Mann und Frau anerkennen, also Texte, die uns helfen, die gemeinsamen Belange für den Frieden, die Gerechtigkeit und für die Wahrung der Menschenrechte als für uns verbindlich zu erkennen. Dieser Aufruf verdient es, ernsthaft und intensiv in den theologischen Ausbildungsstätten und von den führenden Persönlichkeiten beachtet zu werden.

Einer von den Verantwortlichen für diesen Aufruf war ich selber. Mir ist dabei klar geworden, in wie vielen Dingen wir umdenken müssen. Zum Beispiel in unserem Verständnis von „Liebe“. Viele von uns verhalten sich wie der Priester und der Levit in dem Gleichnis bei Lukas (Lukas 10, 25‑37). In Wirklichkeit lässt dieses Gleichnis nur die Deutung der Liebe als fürsorgende Zuwendung zum Nächsten ohne Ansehen der Person zu. Wie beharrlich glauben wir doch als christliche Gemeinde in Indonesien, unser Herr würde nur die Christen lieben (so die Theologie Bushs), und vergessen dabei Johannes 3,17 und Psalm 145,9.

Auch unsere muslimischen Schwestern Brüder sind dabei, viele Dinge neu zu entdecken. So beweisen Muslime, die zum Netz des liberalen Islam (JIL) gehören, aus dem Koran, wie viele Aspekte bisher falsch verstanden worden sind. Sie erheben neue Erkenntnisse aus dem Koran: Offenheit, Gleichheit, gegenseitige Fürsorge, Frieden, Gerechtigkeit und anderes. Dies ist ein Zeichen der Hoffnung für eine bessere Zukunft.

Einige Vorschläge für die Schwestern und Brüder im Westen:

1. Paradigmenwechsel

Die Zeit für einen Paradigmenwechsel ist gekommen. Das alte Paradigma für unser Verhältnis zum Islam wurde über Jahrhunderte durch die Konzeption des corpus christianum und die Erfahrungen der Kreuzzüge („Kreuzkriege“) im11./12. Jahrhundert bestimmt.

Die Zeiten haben sich geändert. Der Islam ist nicht mehr nur mit den Arabern identisch. Die Mehrheit des Islam lebt nicht mehr im Nahen Osten, sondern in Asien, besonders in Indonesien, Indien, Bangladesh, um zunächst die Länder zu nennen, in denen die meisten Muslime wohnen, deren Islam offen, und moderat ist. Hinzu kommen dann Pakistan, Malaysia, Iran und der Irak. Diesen Paradigmenwechsel bewusst zu machen, ist vor allem die nicht mehr aufzuschiebende Aufgabe der theologischen Ausbildungsstätten.

2. Revision von Grundvorstellungen vom Islam

Für die Kirchen im Westen bedeutet dies, dass auch sie ihr Verständnis der tragenden Grundvorstellungen des Islam einer grundlegenden Revision unterziehen müssen. Dies betrifft weiter die Bereitschaft, die Ergebnisse bisheriger gemeinsamer Überlegungen ökumenischer Dialogbegegnungen nutzbar zu machen. Notwendig ist auch ein klareres Verständnis dessen, was Dialog und was Mission ist. Die Ergebnisse einer solchen Revision werden dann für eine umfassende Revision der Lehre, der Liturgie und der zur Form erstarrten Gebete von Nutzen sein. Das besagt, dass die bisherigen Dialogbemühungen verstärkt und ausgeweitet werden müssen.

3. Nachbarschaft von Gemeinde und Moschee

Es wäre sehr nützlich, wenn Gemeinden, die in der Nachbarschaft einer Moschee leben, initiativ werden und Verbindungen des gegenseitigen Verstehens entwickeln. Wenn möglich, sollten Vorurteile, die beiden Seiten bisher erheblich geschadet haben, gemeinsam abgebaut werden. Der Dialog sollte am Ort der Moschee und der Gemeinde stattfinden. Die Islamophobie, die Angst überhaupt, der Hass, die Gefahr, neuartige Gettos zu eröffnen - dies alles könnte verhindert werden, wenn die Gemeinde, besonders die Gemeinde in der Nachbarschaft der Moschee, sich ernsthaft bemüht, die „Früchte des Geistes“, von denen der Apostel Paulus spricht (Galater 5,22), in ihrem Leben zu verwirklichen. Die Unterschiede im Denken der christlichen und der islamischen Gemeinde müssen und werden den Aufbau der Beziehung und ein friedliches Zusammenleben nicht verhindern. Das Leben in Pluralität beginnt an unserem Ort.
 

Der obige Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung eines Vortrages an der Universität Münster am 22. Juni 2006. Ephorus Dr. Soritua A. E. Nababan ist Altbischof der Protestantisch-Christlichen Batak-Kirche (HKBP). Er war von 1996 bis 2000 erster Moderator der internationalen VEM und ist heute einer der acht Präsidenten des Weltrats der Kirchen (ÖRK).
(Foto: www.wcc-coe.org/wcc/press_corner/nababan-bio-g.html)

 


 

The Jakarta Post, 10 Oct 2005

Want to marry RI woman? Pay Rp 500m in deposit

Muninggar Sri Saraswati, Jakarta

If you happen to be a not-so-rich foreign gentleman who plans to marry an Indonesian lady here, you'd better tie the knot quickly as the authorities may put an expensive price tag on Indonesian women in the future. Unknown to many, the Supreme Court is mulling requiring foreign men to deposit some Rp 500 million (about US$50,000) before marrying Indonesian female citizens.

The idea was recommended during a recent Supreme Court national working meeting, which was attended by the Supreme Court leadership and top judges from across the country. It was not immediately clear how the proposed scheme would be implemented. But according to a document studied at the meeting, such a regulation is applied in Egypt, where foreign men are required to pay a sum of money into a state bank before marrying Egyptian citizens.

„In a bid to protect women, the state of Egypt requires every (male) foreigner who plans to marry an Egyptian citizen to pay 25.000 Egyptian pounds into the Nasser Bank as a bond,“ said the document, a copy of which was made available to The Jakarta Post over the weekend. The Supreme Court may likely follow up on the idea by submitting it to the government or the House of Representatives, which would draft the ruling. The recommendation by the male-dominated Supreme Court will add to the complications faced by transnational couples wishing to register their marriages here.

Many consider the current Indonesian law on citizenship as failing to protect transnational couples, particularly marriages between Indonesian women and foreign men. Such couples must go through lengthy and complicated immigration and other processes to legalize their marriage under Indonesian law.

More problems usually occur later since the Citizenship Law (No. 62/1958), which applies the outdated bloodline principle, does not allow foreign men married to Indonesian women to change nationality, while any children of the marriage will automatically take the same citizenship as the father. The non-Indonesian husband and children are then treated in much the same way as foreign tourists or visitors. It means they must fly to neighboring countries to renew their visas should the family decide to live in Indonesia.

According to the law as it now stands, when an Indonesian woman who is married to a foreign man dies, her name cannot be inherited by her husband and children. The Indonesian government instead auctions off the property within one year, leaving the mourning family homeless. The unfavorable situation has forced many Indonesian women to marry their foreign fiances abroad, although this does not actually solve the problem should they decide to live in Indonesia.

The Ministry of Justice and Human Rights has submitted a bill to amend the 1958 Citizenship Law to the House of Representatives. However, the House has yet to list it for further deliberation.


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