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Der Kecak-Tanz
Rüdiger Siebert beschreibt in seinem Buch
"Deutsche Spuren in Indonesien" (siehe
Literatur)
auf Seite 189 einen Kecak-Tanz in Pelitian:
"Männer mit nacktem Oberkörper, um die Hüften schwarz-weiß
karierte Sarongs geschlungen, hinter das rechte Ohr eine rote,
hinter das linke Ohr eine weiße Hibiskusblüte gesteckt,
schwärmen aus dem geheimnisvollen Dunkel tropischer Nacht in
einen von Fackeln beleuchteten Kreis. Fünfzig, achtzig,
schließlich mehr als hundert Männer, die sich da niederlassen,
die Hände orgiastisch erhoben, die Finger krallenartig
ausgestreckt, vereint zu einem Leib, der sich mal nach der
einen, mal nach der anderen Seite im Rund beugt. Dabei stoßen
sie ein Gebrüll aus, das an tierische Laute erinnert, an wilde
Tiere im Dämmerlicht des Dschungels. Ein anschwellendes
Ketschak-tschaké-tschake´-tschak-tschak entfährt den hundert
Kehlen. Das Stakkato überschlägt sich in rasender Wiederholung
und mündet in einen Klagegesang; und erneut finden die Stimmen
zum tobenden Ketschak-tschaké-tschaké-tschak-tschak zusammen.
Das geht jedem unter die Haut, rührt Ängste und Ahnungen an, die
der Verstand nur unzureichend zu beruhigen vermag."
Im Gegensatz zur
allgemeinen Vorstellung ist der Kecak-Tanz nicht besonders alt,
sondern er wurde wahrscheinlich in den dreißiger Jahren zum
ersten Mal aufgeführt. Allerdings hat der Chor seinen Ursprung
in einem sehr alten Ritus, dem
Sanghyang (Trance)-Tanz, der noch heute von Zeit
zu Zeit in den Dörfern aufgeführt wird. Im
Sanghyang nimmt eine
Person im Trance-Zustand Verbindung zu den Göttern oder
Vorfahren auf, um dem Volk deren Wünsche mitzuteilen. Einer der
Begleitchöre besteht nur aus Männern, deren Singen eine
hypnotische Wirkung hat - 'Kecak-Kecak-chak..'. Der Kecak-Tanz
wird immer zum Einbruch der Dunkelheit aufgeführt und dauert
eine knappe Stunde.
Die Handlung findet im inneren Kreis eines
Männerchores statt. Das Libretto kommt aus dem indischen
Hindu-Epos, dem
Ramayana. Und dies ist die
Geschichte:
Der göttliche
Prinz Rama, Erbe des
Thrones von
Ayodya, lebt ausgestoßen im
Wald mit seiner Frau Sita
und seinem jungen
Bruder Laksamana.
Der Riese Rawana -
König der Dämonen und eine Ausgeburt des Bösen - möchte die
wunderschöne Sita
besitzen und ersinnt einen Plan, sie zu entführen. Sein
Premierminister Meritja nimmt die Gestalt eines
goldenen Hirsches an und lockt so
Rama und
Laksamana von
Sita weg, die entführt und
zu
Rawanas Königreich gebracht
wird. Als Rama den Betrug
bemerkt, macht er sich auf,
Sita aus den Fängen des
Dämonenkönigs zu befreien. Eine riesige Armee von Affen steht
ihm dabei in den vielen Kämpfen zur Seite, die dem Tod
Rawanas und der Rettung von
Sita vorausgehen.
1. Akt
Sita hat ihren
Ehemann Rama
ausgesandt, um den goldenen Hirsch zu fangen. Sie weiß aber
nicht, dass Rawanas Premierminister
sich in einen goldenen Hirsch verwandelt hat, um sie zu
überlisten. Bald hört man einen Hilfeschrei, und
Sita, die glaubt, ihr Mann
Rama sei in Not, schickt
Laksamana los, dass er nach
Rama sehe. Überzeugt, dass
der göttliche Rama nicht
wirklich zu Schaden kommen kann, weigert sich
Laksamana zunächst,
Sitas Bitte zu entsprechen.
Als
Sita ihm jedoch vorwirft, er
wünsche doch nur den Tod seines Bruders, um sie heiraten zu
können, ist er zornentflammt und macht sich dann doch auf,
Rama zu suchen.
Sita bleibt allein und
unbewacht zurück.
2. Akt
Rawana
entführt die entsetzte Sita und bringt sie zu seinem Königreich.
3.Akt
Sita
sitzt in Rawanas Palast in
Gesellschaft von dessen Nichte. Sie ist einsam und unglücklich.
Plötzlich erscheint der
Affengeneral, Hanuman.
Er ist heimlich in den Palast eingedrungen und bringt
Sita einen Ring von
Rama als Erkennungszeichen
dafür, dass er ein Freund ist, der ihr helfen möchte.
Sita gibt
Hanuman daraufhin ein
Beweisstück für
Rama mit der Botschaft, dass
sie lebt und wohlauf ist, seiner Hilfe jedoch sehr bedarf.
4. Akt Auf dem
Schlachtfeld wird Rama von
Rawanas Sohn
Meganada angegegriffen;
sein Pfeil verwandelt sich in eine Schlange, die
Rama wie ein Seil
umschlingt. Im Tanz wird diese Szene versinnbildlicht durch den
inneren Kreis des Männerchores, der sich vom Rest des Chores
löst und Rama dicht umringt.
In seiner Verzweifelung ruft
Rama
seinen Verbündeten, den Garudavogel
der augenblicklich erscheint und ihn von der Schlange des Todes
befreit.
5. Akt
Sugriwa, der König der Affen,
bietet sich an, seine Armee gegen
Meganada
zu führen. Er fordert Meganada
auf, den Schutz der Wolken zu verlassen und mit ihm zu kämpfen.
Der Chor teilt sich in zwei Teile. Eine Hälfte stellt die
Affenarmee dar und macht Affengeräusche, während die andere
Hälfte zur Dämonenarmee wird - mit lautem chak-chak-chak. Die
Affen gewinnen die Schlacht. Es gelingt
Rama,
Rawana zu töten, und er kann
endlich glücklich mit seiner Frau in sein Königreich
zurückkehren.
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Medien der Götter
Die Trancetänze
und -dramen sind religiösen Ritualen gleichzusetzen und können
Opferzeremonie, Gebet oder Austreibungszeremonie sein. Sie
werden unter der Leitung des Pemangku
- des einfachen Tempelpriesters - veranstaltet und in oder bei
einem Tempel abgehalten. Der
Sanghyang beginnt stets
im Tempel, wo die Tänzer in Trance versetzt werden. Dann
formiert sich eine Prozession, die die Medien zum nahen
Tanzplatz bringt. ...
In Bona wird
meistens der Sanghyang Dedari,
der Tanz der 'verehrungswürdigen Engel' aufgeführt. Im Tempel
knien zwei Mädchen (noch vor dem Pubertätsalter) vor einer
Schale mit stark duftendem Räucherwerk. Der
Pemangku bringt den Göttern des Tempels ein Opfer dar
und bittet um besonderen Schutz für das Dorf während der
Trancezeremonie.
Hinter den
Mädchen sitzen Frauen, die die Sanghyang-Melodie singen, in der
die himmlischen Nymphen aufgefordert werden, herabzusteigen, um
in der Gestalt der beiden Mädchen vor ihnen zu tanzen:
'Duftend ist der Schale Rauch - himmelwärts als Bote du,
steig, o steig nach altem Brauch den drei erhab'nen Göttern zu.
Wir sind rein und voll Verlangen, eure Engel, schön und hold,
die göttlichen Nymphen zu empfangen, in ihren feinen Gewändern
aus Gold.'
Mit geschlossenen
Lidern wiegen sich die Mädchen zur Melodie vor und zurück, bis
sie inmitten weißer Weihrauchschwaden in Trance niedersinken.
Die Frauen setzen ihnen Blumenkronen auf und heben sie auf die
Schultern zweier junger Männer, die sie zum Tanzplatz bringen.
Sobald diese die zierlichen Gestalten zwischen dem männlichen
und weiblichen Chor abgesetzt haben, bewegen sich diese mit
geschlossenen Augen und dennoch völlig übereinstimmend, fast
schwerelos, in einem geträumten
Legong-Tanz. Wenn der Gesang abbricht, stürzen
die Mädchen wie tot zu Boden. Durch Besprengen mit Weihwasser
und durch Gebete ruft der Priester sie in die Wirklichkeit
zurück.
Im
Sanghyang Jaran wird
ein Junge, junger Mann oder Priester in Trance gebracht. Er
reitet auf einem Strohpferd tanzend mehrmals um ein Feuer aus
Kokosnussschalen. Schließlich galoppiert er mitten durchs Feuer,
ohne sich zu verbrennen.
Alle
Sanghyang-Tänze
dienen dem Zweck, das Dorf dem Schutz der Götter anzuvertrauen
und böse Geister auszutreiben, die in Form von Krankheit und Tod
ins Dorf gekommen sein könnten. Aus den Leistungen, die die
ausgewählten Jungen und Mädchen im Tanz vollbringen, spricht das
göttliche Wesen, das ihnen - nach ihrem Glauben - während der
Trance innewohnt. Sanghyang Dedari-Tänzerinnen
haben keine Tanzschule besucht. In normaler Verfassung können
sie sich weder erinnern noch wiederholen, was sie im Zustand der
Trance getan haben. Schon gar nicht kann ein
Sanghyang Djaran-Tänzer im Normalzustand über
glühende Kohlen laufen.
So verwirrend für
den Besucher der Insel die Begegnung mit dem Phänomen Trance
auch sein mag, so sehr ist sie den Balinesen als ein Zustand des
Überbewußtseins vertraut. Durch Trance kann Verbindung mit der
Welt des Göttlichen aufgenommen werden. Obgleich früher mehr
Arten des Sanghyang gepflegt
wurden als heute, ist der Trance-Tanz weiterhin von großer
Bedeutung.
(Der Artikel 'Medien der Götter'
ist dem ausgezeichneten Reiseführer von Hans Höfer: APA GUIDES,
'Bali' entnommen.)
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